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Samstag, 16. April 2005
spring-peacecamp 2005: Identities unsolved?
peacecamp, 01:49h
Vom 31. März bis zum 7. April 2005 fand in Israel die zweite peacecamp-Runde statt.
27 Jugendliche aus drei verschiedenen Gruppen - jüdisch-israelische, arabisch-israelische und österreichische SchülerInnen aus Kärnten tourten 8 Tage lang durch Israel und besuchten die dort vertretenen Volksgruppen.
Die Reise begann im Süden des Landes, in der Wüste Negev, wo die Gruppe bei Beduinen zu Gast war und viel über deren Lebensformen und Bräuche, sowie über ihre schwierige Position als noch-nicht-ganz-seßhafte Volksgruppe inmitten des modernen Staates Israel lernen konnte. Ein einstündiger Karavannenzug auf dem Rücken von Kamelen,
eine politische Versammlung mit Festessen bei den Beduinen, der Besuch von zwei Kratern inmitten der zu dieser Jahreszeit blühenden Wüste, eine Fahrt mit der Seilbahn auf die Festung Massadah und ein Badeaufenthalt im Toten Meer boten Einblick in die Jahrtausend alte Geschichte Israels mit ihren auch heute noch eben so zahlreich vertretenen, vielfältigen und unterschiedlichen Kulturen.
Weiter ging es nach Jerusalem, tosender moderner Großstadt und religiösem Zentrum aller monotheistischen Religionen. Gemeinsam besuchten die Jugendlichen die großen religiösen Stätten - die Klagemauer, die Grabeskirche sowie den Tempelberg mit dem Felsendom und der Al Aksa Moschee
Das Aufsetzen einer "Kippah" (Käppchen) bei Betreten der jüdischen Gedenkstätten und Heiligtümer, das Ausziehen der Schuhe vor Betreten der heiligen Stätten des Islams, und das Verbot, beim Sitzen in der Grabeskirche die Beine übereinander zu schlagen war für die meisten - LehrerInnen wie SchülerInnen - gewöhnungsbedürftig und ein wenig unheimlich: wird man dem eigenen Glauben untreu, verletzt man die Loyalität zur eigenen Gruppe, wenn man sich beim Besuch im fremden Gotteshaus den dort geltenden Regeln unterwirft? Wo liegt die Grenze zwischen dem Respekt vor dem Anderen und der Überschreitung der eigenen religiösen Grundsätze? Wie kann man vermeiden, aus Unachtsamkeit oder Unwissen die religiösen Gefühle Anderer zu verletzen, wie verhält man sich als Fremder richtig und bleibt dabei doch auch sich selbst und den Grundsätzen und Regeln der eigenen Religion und Gruppe treu?
Ein gemeinsamer Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem schloss den Besuch Jerusalems ab ließ alle, Jugendliche und Erwachsene, nachdenklich und bestürzt zurück. Es war berührend zu sehen, wie Jugendliche einander umarmten und hielten, wie alle Augen sich mit Tränen füllten und die sonst zu allen Späßen aufgelegten Burschen und Mädchen plötzlich so ganz anders, so ernst und schweigsam wurden.
Weiter ging es nach Herzliah zu einer echten Wiener Jause beim Österreichischen Botschafter Dr. Kurt Hengl, wo sich nicht nur Ben mit seinem heiß ersehnten Apfelstrudel, aber auch wir Anderen mit feiner Sachertorte, Palatschinken und anderen Köstlichkeiten, serviert auf edlem Porzellan, satt essen durften. Frau Botschafter war angenehm überrascht über die guten Manieren ihrer jungen Gäste, hatte sie doch offenbar angesichts der ihr bevorstehenden Invasion von Jugendlichen in ihr Haus Schlimmeres befürchtet. Von seinen jungen Gästen aus Österreich erhielt Botschafter Hengl eine Zeichung, die Österreichs Versuch darstellt, Israeli und Palästinenser zusammenzuschweißen.

Die verbleibenden vier Tage und drei Nächte standen ganz im Zeichen der offensichtlich allen in Israel lebenden Volksgruppen gemeinsamen Gastfreundschaft: einen Tag und eine Nacht lang waren alle jüdisch-israelischen und österreichischen erwachsenen und jugendlichen "peacecampler" Gäste der arabisch-israelischen Stadt Kalanswa. Grüppchen von jeweils drei bis fünf Jugendlichen durften bei den arabisch-israelischen Familien übernachten und die dort herrschende Gastfreundschaft voll auskosten; nach dem Abendessen bei ihren jeweiligen arabischen Gastfamilien beschlossen die Jugendlichen, einen Teil des Abends doch noch gemeinsam als Gruppe zu verbringen und schlossen sich spontan im Hause eines der arabischen Mädchens zusammen. Die mitreisenden erwachsenen Begleitpersonen hingegen waren an diesem Abend Gast beim Direktor des Ibn-Sina- Gymnasiums, aus dem der Großteil der arabischen Schüler kam. Die nicht enden wollende Speisenfolge wurde nur durch die ebenso endlose Folge weiterer hinzu stoßender Gäste überboten, darunter der arabische Politiker Darausche, ehemaliger Abgeordneter der Knesset und Anführer der Demokratischen Arabischen Liste. Dieser beeindruckte mit einem Bericht über einen sich in ihm - und anderen Politikern, so etwa Premierminister Ariel Sharon - vollziehenden Gesinnungswandel hin zu einer größeren Bereitschaft, sich mit dem Anderen, dem "Feind", zu versöhnen. So sind in seiner neuen Partei, der Demokratischen Liste, Juden und Araber, Männer und Frauen, religiöse und säkulare Menschen anzutreffen, die sich alle - ungeachtet des ihnen von arabischer Seite entgegen blasenden Gegenwindes - auf den von Premierminister Sharon vorgeschlagenen neuen Friedenskurs einlassen wollen, ein Schritt, der, wie Herr Darausche uns glaubhaft machte, von einer tiefen und tief greifenden Veränderung der eigenen, wie auch Sharons politischen Überzeugungen zeuge und auf diese aufbaue.
Am nächsten Tag besuchten wir Herrn Darausche in Nazaret im Büro der von ihm angeführten Partei, der Demokratischen Liste , wo wir einige weitere Politiker kennen lernen durften und schließlich zu einem guten Mittagessen eingeladen wurden. Davor waren wir schon durch die Straßen Nazarets und den Shuk (den Markt) geschlendert, hatten die Verkündungskirche besucht, Souvenirs und köstliche orientalische Bäckereien, "Baklawa", eingekauft und das lebendige Treiben dieser christlich-arabischen Stadt miterlebt.
Auch die weiteren Tage waren wir Gäste und wurden als solche königlich behandelt: die Eltern eines israelischen Teilnehmers öffneten uns die Tür zu ihrem eben erst neu bezogenen Haus im nördlichen Galil, dem grünsten und blühendsten Teil Israels. Ein kurzer Spaziergang führte uns auf eine Anhöhe von der aus man das ganze Land vom Mittelmeer bis zum See Genezareth überblicken konnte, ehe wir - 35 Mann hoch - mit Schlafsäcken und Waschzeug bei unseren Gastgebern Einzug hielten: hier erwarte uns ein üppiges Abendessen, ehe wir uns mit unseren Schlafsäcken auf Betten, Matten und Matratzen zur Ruhe betten durften, um uns am nächsten Morgen nach einem ebenso üppigen Frühstück wieder auf den Weg zu machen. Dieser führte in den bei Natanya am Mittelmeer gelegenen Kibbuz Gaash, mit seiner Therme und weltweit bekanntem Thermalbad. Hier lebt Eilam, einer unserer jüdisch-israelischen Teilnehmer; seine Mutter hatte uns eingeladen, den letzten Abend, die letzte Nacht bei ihnen zu verbringen. Die Mütter von drei weiteren Teilnehmerinnen der jüdisch-israelischen Gruppe waren mit selbst gekochten Speisen nach Gaash gekommen so dass uns bei der Ankunft ein regelrechtes Buffet, bestehend aus vielen liebevoll bereiteten Speisen erwartete. Ein aus Kärnten stammendes, seit über zwanzig Jahren hier lebendes Kibbuzmitglied konnte die jungen Gäste aus Österreich in das Kibbuzleben einführen und viele ihrer Fragen in perfektem Deutsch beantworten.
Ein vorabendlicher Spaziergang zum Meer ließ uns gerade rechtzeitig am Strand ankommen, um Zeugen eines feuerroten Sonnenuntergangs zu werden - ein Naturereignis, das den Besuch in Israel zu einem würdigen Ausklang brachte.
Davor aber hatten die Jugendlichen am Vortag in Kalanswa einen ganz tägigen gruppenpsychoanalytischen Workshop absolviert, der ihnen Gelegenheit geboten hatte, die Erlebnisse und Eindrücke dieser so intensiven Woche zu diskutieren. Hier konnten die heftigen Emotionen, die im Laufe dieser Tage aufgekommen waren, endlich in Worte gefasst und besprochen werden; es war von Ungleichsein und Gleichsein von Gruppen, Völkern und Generationen die Rede und davon, wie junge Menschen die Welt erleben, wenn keine Brille von Vorurteilen ihnen die Sicht auf das Wesentliche verstellt, und sie die Welt mit eigenen Augen wahrnehmen können.
Von Liebe und Zuneigung war die Rede, so wie von der Suche nach Antworten auf Fragen, die seit jeher die Menschheit beschäftigen; und von der Notwendigkeit, es auszuhalten, wenn es keine Antwort gibt, weil die Antworten der Eltern eben die der Eltern sind, und es das Recht der Jugend ist, auf die Fragen, die sie beschäftigen, ihre eigenen Antworten zu finden.
Ein frühmorgentlicher tränenreicher Abschied am Flughafen Ben Gurion riß eine eng zusammengewachsen Gruppe und ein paar frisch Verliebte mit gebrochenen, aber vollen Herzen zurück. Es war allen sehr bewußt, dass sie etwas ganz Besonderes miteinander erlebt hatten und etwas Wichtiges in ihren Herzen mitnahmen: etwas, ihre Sicht von der Welt nachhaltig geprägt hatte und sie fortan begleiten würde.
27 Jugendliche aus drei verschiedenen Gruppen - jüdisch-israelische, arabisch-israelische und österreichische SchülerInnen aus Kärnten tourten 8 Tage lang durch Israel und besuchten die dort vertretenen Volksgruppen.
Die Reise begann im Süden des Landes, in der Wüste Negev, wo die Gruppe bei Beduinen zu Gast war und viel über deren Lebensformen und Bräuche, sowie über ihre schwierige Position als noch-nicht-ganz-seßhafte Volksgruppe inmitten des modernen Staates Israel lernen konnte. Ein einstündiger Karavannenzug auf dem Rücken von Kamelen,
eine politische Versammlung mit Festessen bei den Beduinen, der Besuch von zwei Kratern inmitten der zu dieser Jahreszeit blühenden Wüste, eine Fahrt mit der Seilbahn auf die Festung Massadah und ein Badeaufenthalt im Toten Meer boten Einblick in die Jahrtausend alte Geschichte Israels mit ihren auch heute noch eben so zahlreich vertretenen, vielfältigen und unterschiedlichen Kulturen.
Weiter ging es nach Jerusalem, tosender moderner Großstadt und religiösem Zentrum aller monotheistischen Religionen. Gemeinsam besuchten die Jugendlichen die großen religiösen Stätten - die Klagemauer, die Grabeskirche sowie den Tempelberg mit dem Felsendom und der Al Aksa Moschee
Das Aufsetzen einer "Kippah" (Käppchen) bei Betreten der jüdischen Gedenkstätten und Heiligtümer, das Ausziehen der Schuhe vor Betreten der heiligen Stätten des Islams, und das Verbot, beim Sitzen in der Grabeskirche die Beine übereinander zu schlagen war für die meisten - LehrerInnen wie SchülerInnen - gewöhnungsbedürftig und ein wenig unheimlich: wird man dem eigenen Glauben untreu, verletzt man die Loyalität zur eigenen Gruppe, wenn man sich beim Besuch im fremden Gotteshaus den dort geltenden Regeln unterwirft? Wo liegt die Grenze zwischen dem Respekt vor dem Anderen und der Überschreitung der eigenen religiösen Grundsätze? Wie kann man vermeiden, aus Unachtsamkeit oder Unwissen die religiösen Gefühle Anderer zu verletzen, wie verhält man sich als Fremder richtig und bleibt dabei doch auch sich selbst und den Grundsätzen und Regeln der eigenen Religion und Gruppe treu?
Ein gemeinsamer Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem schloss den Besuch Jerusalems ab ließ alle, Jugendliche und Erwachsene, nachdenklich und bestürzt zurück. Es war berührend zu sehen, wie Jugendliche einander umarmten und hielten, wie alle Augen sich mit Tränen füllten und die sonst zu allen Späßen aufgelegten Burschen und Mädchen plötzlich so ganz anders, so ernst und schweigsam wurden.
Weiter ging es nach Herzliah zu einer echten Wiener Jause beim Österreichischen Botschafter Dr. Kurt Hengl, wo sich nicht nur Ben mit seinem heiß ersehnten Apfelstrudel, aber auch wir Anderen mit feiner Sachertorte, Palatschinken und anderen Köstlichkeiten, serviert auf edlem Porzellan, satt essen durften. Frau Botschafter war angenehm überrascht über die guten Manieren ihrer jungen Gäste, hatte sie doch offenbar angesichts der ihr bevorstehenden Invasion von Jugendlichen in ihr Haus Schlimmeres befürchtet. Von seinen jungen Gästen aus Österreich erhielt Botschafter Hengl eine Zeichung, die Österreichs Versuch darstellt, Israeli und Palästinenser zusammenzuschweißen.

Die verbleibenden vier Tage und drei Nächte standen ganz im Zeichen der offensichtlich allen in Israel lebenden Volksgruppen gemeinsamen Gastfreundschaft: einen Tag und eine Nacht lang waren alle jüdisch-israelischen und österreichischen erwachsenen und jugendlichen "peacecampler" Gäste der arabisch-israelischen Stadt Kalanswa. Grüppchen von jeweils drei bis fünf Jugendlichen durften bei den arabisch-israelischen Familien übernachten und die dort herrschende Gastfreundschaft voll auskosten; nach dem Abendessen bei ihren jeweiligen arabischen Gastfamilien beschlossen die Jugendlichen, einen Teil des Abends doch noch gemeinsam als Gruppe zu verbringen und schlossen sich spontan im Hause eines der arabischen Mädchens zusammen. Die mitreisenden erwachsenen Begleitpersonen hingegen waren an diesem Abend Gast beim Direktor des Ibn-Sina- Gymnasiums, aus dem der Großteil der arabischen Schüler kam. Die nicht enden wollende Speisenfolge wurde nur durch die ebenso endlose Folge weiterer hinzu stoßender Gäste überboten, darunter der arabische Politiker Darausche, ehemaliger Abgeordneter der Knesset und Anführer der Demokratischen Arabischen Liste. Dieser beeindruckte mit einem Bericht über einen sich in ihm - und anderen Politikern, so etwa Premierminister Ariel Sharon - vollziehenden Gesinnungswandel hin zu einer größeren Bereitschaft, sich mit dem Anderen, dem "Feind", zu versöhnen. So sind in seiner neuen Partei, der Demokratischen Liste, Juden und Araber, Männer und Frauen, religiöse und säkulare Menschen anzutreffen, die sich alle - ungeachtet des ihnen von arabischer Seite entgegen blasenden Gegenwindes - auf den von Premierminister Sharon vorgeschlagenen neuen Friedenskurs einlassen wollen, ein Schritt, der, wie Herr Darausche uns glaubhaft machte, von einer tiefen und tief greifenden Veränderung der eigenen, wie auch Sharons politischen Überzeugungen zeuge und auf diese aufbaue.
Am nächsten Tag besuchten wir Herrn Darausche in Nazaret im Büro der von ihm angeführten Partei, der Demokratischen Liste , wo wir einige weitere Politiker kennen lernen durften und schließlich zu einem guten Mittagessen eingeladen wurden. Davor waren wir schon durch die Straßen Nazarets und den Shuk (den Markt) geschlendert, hatten die Verkündungskirche besucht, Souvenirs und köstliche orientalische Bäckereien, "Baklawa", eingekauft und das lebendige Treiben dieser christlich-arabischen Stadt miterlebt.
Auch die weiteren Tage waren wir Gäste und wurden als solche königlich behandelt: die Eltern eines israelischen Teilnehmers öffneten uns die Tür zu ihrem eben erst neu bezogenen Haus im nördlichen Galil, dem grünsten und blühendsten Teil Israels. Ein kurzer Spaziergang führte uns auf eine Anhöhe von der aus man das ganze Land vom Mittelmeer bis zum See Genezareth überblicken konnte, ehe wir - 35 Mann hoch - mit Schlafsäcken und Waschzeug bei unseren Gastgebern Einzug hielten: hier erwarte uns ein üppiges Abendessen, ehe wir uns mit unseren Schlafsäcken auf Betten, Matten und Matratzen zur Ruhe betten durften, um uns am nächsten Morgen nach einem ebenso üppigen Frühstück wieder auf den Weg zu machen. Dieser führte in den bei Natanya am Mittelmeer gelegenen Kibbuz Gaash, mit seiner Therme und weltweit bekanntem Thermalbad. Hier lebt Eilam, einer unserer jüdisch-israelischen Teilnehmer; seine Mutter hatte uns eingeladen, den letzten Abend, die letzte Nacht bei ihnen zu verbringen. Die Mütter von drei weiteren Teilnehmerinnen der jüdisch-israelischen Gruppe waren mit selbst gekochten Speisen nach Gaash gekommen so dass uns bei der Ankunft ein regelrechtes Buffet, bestehend aus vielen liebevoll bereiteten Speisen erwartete. Ein aus Kärnten stammendes, seit über zwanzig Jahren hier lebendes Kibbuzmitglied konnte die jungen Gäste aus Österreich in das Kibbuzleben einführen und viele ihrer Fragen in perfektem Deutsch beantworten.
Ein vorabendlicher Spaziergang zum Meer ließ uns gerade rechtzeitig am Strand ankommen, um Zeugen eines feuerroten Sonnenuntergangs zu werden - ein Naturereignis, das den Besuch in Israel zu einem würdigen Ausklang brachte.
Davor aber hatten die Jugendlichen am Vortag in Kalanswa einen ganz tägigen gruppenpsychoanalytischen Workshop absolviert, der ihnen Gelegenheit geboten hatte, die Erlebnisse und Eindrücke dieser so intensiven Woche zu diskutieren. Hier konnten die heftigen Emotionen, die im Laufe dieser Tage aufgekommen waren, endlich in Worte gefasst und besprochen werden; es war von Ungleichsein und Gleichsein von Gruppen, Völkern und Generationen die Rede und davon, wie junge Menschen die Welt erleben, wenn keine Brille von Vorurteilen ihnen die Sicht auf das Wesentliche verstellt, und sie die Welt mit eigenen Augen wahrnehmen können.
Von Liebe und Zuneigung war die Rede, so wie von der Suche nach Antworten auf Fragen, die seit jeher die Menschheit beschäftigen; und von der Notwendigkeit, es auszuhalten, wenn es keine Antwort gibt, weil die Antworten der Eltern eben die der Eltern sind, und es das Recht der Jugend ist, auf die Fragen, die sie beschäftigen, ihre eigenen Antworten zu finden.
Ein frühmorgentlicher tränenreicher Abschied am Flughafen Ben Gurion riß eine eng zusammengewachsen Gruppe und ein paar frisch Verliebte mit gebrochenen, aber vollen Herzen zurück. Es war allen sehr bewußt, dass sie etwas ganz Besonderes miteinander erlebt hatten und etwas Wichtiges in ihren Herzen mitnahmen: etwas, ihre Sicht von der Welt nachhaltig geprägt hatte und sie fortan begleiten würde.
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Montag, 6. Dezember 2004
Peacecamp 2005: If you meet a stranger, talk to him
A Hadassah-Austria Project supported by European Union, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kunst and KKS
Evelyn Böhmer-Laufer
A Hadassah-Austria Project supported by European Union, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kunst and KKS
Evelyn Böhmer-Laufer
peacecamp, 00:32h
Peacecamp 2005: identities unsolved? is a peace-building project at which 4 groups of adolescents of different cultural origin will explore aspects of their ethnic and personal identities. The adolescents come from regions which have had to cope and/or still cope with generations-old conflicts between the different ethnical groups who live there. One group from Austria, another from Slovenia as well as one Jewish-Israeli and one Arab-Israeli group will be part of the project. They will take part at adventurous and artistic activities in "culturally mixed teams" and discuss the ways in which they cope with these situations and interact with one another. Discussions around these activities will enable them to observe different modes of coping with shared problem situations, with creative tasks and/or with any conflicts which may arise in the course of their working together.
One focus of peacecamp will be talks and reflections about the various aspects of people's individual and group identities; before the camp, all participants will go through a preparation phase in their own home-countries, aimed at exploring aspects of their family's history - the cultural, social, religious and personal rites, habits and customs which are part of each family's or group's heritage. They will collect documents and put together a "Family Album" with which they will introduce themselves to one another on the camp and learn about the similarities and differences between groups, persons and cultures.
Under the guidance of four artists they will create/perform various creative acts which they will show/present to a larger public on the last day of the camp. All these will focus on the topic of people's identities. These activities will, as all others, be subjected to a "processing" during the days of the camp, to allow further explorations into the participant's individual, as well as group identities.
Group-discussions led by a group psychoanalyst will enable the young participants to explore the above topics more into depth, allowing to adress any prejudices or preconceptions about the respective "other" of each single group or person and to correct these in the face of the real encounter with the "real other".
Regular team-meetings led by a group psychoanalyst will allow the team to cope with their task of guiding this group of adolescents and to reach more awareness of the processes that will come up during the encounter.

Participants:
- 4 groups of 8-10 participants each, 15-17 years old, half girls, half boys : Slovenian, Austrian, Arab-Israelis, Jewish-Israelis
- 2 Adults group-leaders per group
- 4 artists
- 2 Psychoanalyst
An evaluation of the impact of this peace-building work with youth will follow.
One focus of peacecamp will be talks and reflections about the various aspects of people's individual and group identities; before the camp, all participants will go through a preparation phase in their own home-countries, aimed at exploring aspects of their family's history - the cultural, social, religious and personal rites, habits and customs which are part of each family's or group's heritage. They will collect documents and put together a "Family Album" with which they will introduce themselves to one another on the camp and learn about the similarities and differences between groups, persons and cultures.
Under the guidance of four artists they will create/perform various creative acts which they will show/present to a larger public on the last day of the camp. All these will focus on the topic of people's identities. These activities will, as all others, be subjected to a "processing" during the days of the camp, to allow further explorations into the participant's individual, as well as group identities.
Group-discussions led by a group psychoanalyst will enable the young participants to explore the above topics more into depth, allowing to adress any prejudices or preconceptions about the respective "other" of each single group or person and to correct these in the face of the real encounter with the "real other".
Regular team-meetings led by a group psychoanalyst will allow the team to cope with their task of guiding this group of adolescents and to reach more awareness of the processes that will come up during the encounter.

Participants:
- 4 groups of 8-10 participants each, 15-17 years old, half girls, half boys : Slovenian, Austrian, Arab-Israelis, Jewish-Israelis
- 2 Adults group-leaders per group
- 4 artists
- 2 Psychoanalyst
An evaluation of the impact of this peace-building work with youth will follow.
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Freitag, 26. November 2004
"Auch wenn es schmerzt"
VON PETRUS VAN DER LET (Spectrum)
VON PETRUS VAN DER LET (Spectrum)
peacecamp, 00:22h
"Palästinenser sprengen Busse in die Luft." - "Und israelische Soldaten zerstören Häuser und nehmen arabisches Land." Israelische und palästinensische Schüler in einem österreichischen Friedenscamp: eine Dokumentation.
Frühling 2004. Auf dem Flughafen von Klagenfurt kommen 16 Jugendliche aus Israel mit Lehrern an: acht Mädchen und acht Burschen, die in den nächsten zehn Tagen mit Schülern des Alpen-Adria-Gymnasiums-Völkermarkt in Rechberg bei Eisenkappel ein Friedenscamp veranstalten. Die israelischen Jugendlichen kommen zur Hälfte von der jüdischen Ramot Hefer High School, einer regionalen höheren Schule in der Sharon-Ebene; die andere Hälfte stammt aus der arabischen Ibn Sina High School der Stadt Kalanswa, gehört also zur arabischen Minderheit in Israel. Sie mussten vor dem Abflug in Tel Aviv - im Unterschied zu den jüdischen Jugendlichen - eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen, und auf den Einwand einer Lehrerin, sie wären doch alle Israelis, meinte die Zollbeamtin nur lakonisch: "Das interessiert mich nicht." Darüber sind nun eher die Erwachsenen erregt, die Jugendlichen musizieren und freuen sich, sind doch einige von ihnen zum ersten Mal im Ausland.
Das psychologische Konzept zu dem Treffen stammt von der Psychotherapeutin Evelyn Böhmer-Laufer, die ursprünglich von zwei Wiener Schulen eine Zusage erhielt, die dann widerrufen wurde. Als Produzent eines Dokumentarfilms über das Camp stellte ich den Kontakt zum Alpen-Adria-Gymnasium her, das sofort bereit war mitzumachen, und dank der Unterstützung von Susanne Shaked, der Präsidentin von Hadassah Österreich, soll die Friedensinitiative nun sogar jährlich wiederholt werden.
Schon am ersten Tag mussten die Jugendlichen bei verschiedenen Aufgaben und Aktivitäten zusammenarbeiten, und so kam man bald ins Gespräch.
Maia: Ist Kalawansa nicht neben Tulkarem?
Saida: Ja, aber auf israelischer Seite.
Anat: Neben Beit Lid? Da kam 1996 der Freund meiner Freundin bei einem Terroranschlag ums Leben.
Fuad: Mein Cousin wurde in Nablus von einem israelischen Soldaten erschossen. Genau wie die Soldaten, die an der Bushaltestelle von Beit Lid standen.
Monika: Seid ihr nicht alle Israelis? (Stille)
Maia: Ja, aber Palästinenser sprengen Busse mit Schulkindern in die Luft.
Ali: Und israelische Soldaten zerstören Häuser und nehmen arabisches Land.
Martin: Wäre es nicht besser, die Vergangenheit einfach zu vergessen, einfach das Leben zu leben?
Dan: Na klar, das sagst du - was habt ihr denn vor 60 Jahren getan? (Stille)
Monika: Hey, lasst uns Musik machen. Wer mag Metallic?
Nach den Dreharbeiten wird heftig weiterdiskutiert - vor allem unter den Erwachsenen. Yoav erwähnt, dass einige der männlichen Selbstmordattentäter ihren Penis mit Metall schützen, um ihn unversehrt ins angebliche Paradies mit den vielen Jungfrauen zu retten, und fast alle sind sich einig, dass es nur Frieden geben wird, wenn sich die Israelis von den radikalen Siedlern distanzieren und die Palästinenser von den Selbstmordattentätern.
Die Jugendlichen wollen nach den Diskussionsrunden eher die Umgebung erkunden und stellen oft verblüffend klare Fragen: Waren die Kreuzzüge nicht auch eine Art "Heiliger Krieg"? Wurde nicht Europa jahrhundertelang von Religionskriegen erschüttert? Die 16-jährige Reut findet es ungerecht, dass man sich nicht für eine Religion entscheiden kann, sondern in sie geboren wird. Und fast alle Jugendliche wollen die Welt kennen lernen, reisen, dem Anderen, dem Fremden begegnen, um es zu verstehen.
Im Vorwort zur zweiten Auflage seines Buches "Die Gnosis und der Nationalsozialismus" hat Harald Strohm diese Diesseitsfreude als Gegensatz zum Gotteskriegertum - nicht nur der Nazis - analysiert: Wie ehedem beanspruchen auch die heutigen Gotteskrieger, die Welt mit Religion und transzendent verbürgten "Werten" zu erretten. Damit aber bezeugen sie, unwissend, aber klar, die Folgen der alten Weltverlorenheit. Denn in ihrer Sehnsucht, in ihrer Sucht nach Sinn und Erlösung Mal um Mal ins Leere flehend, projiziert sich zuletzt ihr Welt- und Selbsthass auf Dritte, die ihnen eben dadurch zu Repräsentanten des Bösen geraten. "Ihr liebt das Leben, wir den Tod", bekannten die muslimischen Massenmörder von Madrid im März 2004. Übersetzt ins psychologisch Richtige: "Ihr Europäer der Moderne lernt das Leben wieder lieben; aber wir, die wir noch verfangen sind in altem Wahn, hassen uns - und deshalb euch: denn Gott ist fern, uns aber groß und allmächtig." Bis auf weiteres bleibt freilich festzuhalten: Das Gotteskriegertum des Nationalsozialismus ist ob des Grads an Perversion, industrieller Perfektion und staatspolitischer Organisation mit dem des Islam nicht zu vergleichen.
Aber sollen wir angesichts des islamischen Gotteskriegertums wirklich jenen Beschwichtigungen glauben, die solchen "Islamismus" vom "wahren Islam" streng trennen? Die öffentliche Diskussion über den Islam hat noch nicht wirklich begonnen, meint Harald Strohm, zumindest noch nicht mit den Mitteln "der Moderne". Selbst elementare Einsichten blieben bislang unbeachtet; zum Beispiel die, dass jedes ideologische System in seinen Wirkungen kontextabhängig ist. Erst dieser Zusatz macht die verschiedenen Gesichter des "wahren Islam" verständlich. Denn natürlich hat auch der Islam - in entsprechenden Kontexten - das Zeug zu Friedfertigkeit, Weltoffenheit und kultureller Blüte. Aber in anderen Kontexten hat er - und hatte er schon unter Mohammed - eben auch aggressive, autoritäre und menschenverachtende Züge.
Eine weitere, spätestens seit Nietzsche und Freud etablierte Einsicht der Moderne lautet: Solange Menschen solche Schatten und Altlasten kollektiv verleugnen und verdrängen, schwelen sie untergründig weiter und bleiben gerade dadurch unberechenbar und gefährlich. Das gilt natürlich auch für das Christentum, wo nach 200 Jahren Aufklärung zwar keine Ketzer mehr brennen müssen, aber die Verdrängung von einem halben Jahrtausend Inquisition noch merkwürdige Blüten treibt: 1998 habe ich bei der Frankfurter Buchmesse dem Verleger Bernhard Meuser den Vorschlag gemacht, zu meinem Film "Herrn Hitlers Religion" ein Buch zu schreiben, was dieser begeistert aufnahm: "Das ist es - die Wurzeln des Nationalsozialismus in den esoterischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts." Nach meinem Einwand, dass man wohl nicht alles der Esoterik in die Schuhe schieben könne und wohl auch christliche Traditionslinien aufzeigen müsse, habe ich von dem guten Mann nie wieder etwas gehört.
Sechs Jahre später liegt nun das Ergebnis meiner Anregung vor: "Hitlers Religion" von Michael Hesemann. Darin walzt der Autor zwar das Material aus meinen Filmen "Adolf Lanz - Mein Krampf", "Herrn Hitlers Religion" und "Erlöser" aus, aber eben unter Weglassung der christlichen Traditionslinien. Er stellt Hitlers Religion als Gegenreligion zum Christentum dar, vor allem zum Katholizismus. Der österreichische Bischof Alois Hudal, der schon in den Dreißigerjahren den Nationalsozialismus als die Ideologie für Christen bejubelt und nach dem Weltkrieg die "Rattenlinie" (Flucht der KZ-Schergen nach Südamerika) mitorganisiert hat, wird nur in einer vatikanfreundlichen Episode als "Opportunist" erwähnt. Das Buch gipfelt in der Vermutung, dass bei einem Weiterbestand des Dritten Reiches der nächste Holocaust den Katholiken gegolten hätte.
Geschichtsfälschung durch Weglassung - das werfen sich auch Israelis und Palästinenser vor. Denn was für die Israelis der Unabhängigkeitskrieg von 1948 und ein großer Sieg war, das nennen die Palästinenser "Nakba", die "Katastrophe": die Vertreibung der Palästinenser, die Zerstörung von Dörfern, die Abschiebung in Flüchtlingslager. Plötzlich unterbricht Otman die Diskussion, schaut in die Kamera: "Es war vereinbart, nicht über Politik zu reden, sondern nur über Identitäten. So war das nicht ausgemacht." Die arabischen Jugendlichen schauen verlegen zu Boden, Nili versteht ihren Kollegen, meint, wenn das der Geheimdienst sehe, sei mit Konsequenzen zu rechnen. Doch die Jugendlichen wollen das nicht so im Raum stehen lassen. Spontan veranstalten sie ein Fußballspiel der beiden Klassen, und weil da die arabischen Schüler erfahrungsgemäß gewinnen, herrscht bald wieder gute Stimmung. Nili meint, mit Tränen in den Augen: "Auch wenn es schmerzt, wir müssen Strategien finden, miteinander zu leben. Deshalb sind diese Friedenscamps so wichtig."
Am Abend sind Musik und Tanz angesagt, und man umarmt einander, ist unter Freunden. Der Abschied vor der Rückreise nach Israel wird tränenreich, und man merkt den Jugendlichen an, dass sie es ehrlich meinen. Für Ben war es das wichtigste Erlebnis in seinem bisherigen Leben, und auch Samah wird dieses Treffen nie vergessen. Ist da in den Gesichtern einiger Erwachsener ein Anflug von Scham, warum es nicht immer so sein kann?
Zwei Monate später treffen wir die Jugendlichen in Israel wieder, und nichts von ihrer Begeisterung ist verflogen. Wir treffen allerdings auch andere Kinder, die von der Gewalt, die sie erleben mussten, traumatisiert sind: "Als ich schlief, träumte ich von einem israelischen Flugzeug, das anfing, unser Haus zu beschießen und zu bombardieren. Ich war im Haus und fiel auf den Fußboden. Eine Rakete traf mich auf dem Kopf. Ich fühlte, wie mein Kopf von meinem Körper abfiel; ich hatte große Angst und wachte vor Schreck auf."
Dazu eine Therapeutin des Hadassah Spitals in Jerusalem: "Welche Auswirkung wird das auf die junge Generation haben, die der Gewalt Tag für Tag ausgesetzt ist? Einige Kinder, die Opfer der Gewalt wurden und überlebten, haben immer noch eine enorme Fähigkeit, auch das Leid ihres ,Feindes' nachzuvollziehen. Aber gesamtgesellschaftlich betrachtet führt die Gewalt zu mehr und mehr primitiven Verhaltensmustern. Beide Seiten identifizieren sich vollkommen mit der Rolle des Opfers und verleugnen ihre eigene Aggressivität." [*]
Walter Wehmeyers Dokumentarfilm "Naher Osten - Hoffnung und Trauma der Jugend" wird am 28. November bei der Jüdischen Filmwoche im Wiener Cinema de France uraufgeführt. Beginn 18.30 Uhr.
Frühling 2004. Auf dem Flughafen von Klagenfurt kommen 16 Jugendliche aus Israel mit Lehrern an: acht Mädchen und acht Burschen, die in den nächsten zehn Tagen mit Schülern des Alpen-Adria-Gymnasiums-Völkermarkt in Rechberg bei Eisenkappel ein Friedenscamp veranstalten. Die israelischen Jugendlichen kommen zur Hälfte von der jüdischen Ramot Hefer High School, einer regionalen höheren Schule in der Sharon-Ebene; die andere Hälfte stammt aus der arabischen Ibn Sina High School der Stadt Kalanswa, gehört also zur arabischen Minderheit in Israel. Sie mussten vor dem Abflug in Tel Aviv - im Unterschied zu den jüdischen Jugendlichen - eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen, und auf den Einwand einer Lehrerin, sie wären doch alle Israelis, meinte die Zollbeamtin nur lakonisch: "Das interessiert mich nicht." Darüber sind nun eher die Erwachsenen erregt, die Jugendlichen musizieren und freuen sich, sind doch einige von ihnen zum ersten Mal im Ausland.
Das psychologische Konzept zu dem Treffen stammt von der Psychotherapeutin Evelyn Böhmer-Laufer, die ursprünglich von zwei Wiener Schulen eine Zusage erhielt, die dann widerrufen wurde. Als Produzent eines Dokumentarfilms über das Camp stellte ich den Kontakt zum Alpen-Adria-Gymnasium her, das sofort bereit war mitzumachen, und dank der Unterstützung von Susanne Shaked, der Präsidentin von Hadassah Österreich, soll die Friedensinitiative nun sogar jährlich wiederholt werden.
Schon am ersten Tag mussten die Jugendlichen bei verschiedenen Aufgaben und Aktivitäten zusammenarbeiten, und so kam man bald ins Gespräch.
Maia: Ist Kalawansa nicht neben Tulkarem?
Saida: Ja, aber auf israelischer Seite.
Anat: Neben Beit Lid? Da kam 1996 der Freund meiner Freundin bei einem Terroranschlag ums Leben.
Fuad: Mein Cousin wurde in Nablus von einem israelischen Soldaten erschossen. Genau wie die Soldaten, die an der Bushaltestelle von Beit Lid standen.
Monika: Seid ihr nicht alle Israelis? (Stille)
Maia: Ja, aber Palästinenser sprengen Busse mit Schulkindern in die Luft.
Ali: Und israelische Soldaten zerstören Häuser und nehmen arabisches Land.
Martin: Wäre es nicht besser, die Vergangenheit einfach zu vergessen, einfach das Leben zu leben?
Dan: Na klar, das sagst du - was habt ihr denn vor 60 Jahren getan? (Stille)
Monika: Hey, lasst uns Musik machen. Wer mag Metallic?
Nach den Dreharbeiten wird heftig weiterdiskutiert - vor allem unter den Erwachsenen. Yoav erwähnt, dass einige der männlichen Selbstmordattentäter ihren Penis mit Metall schützen, um ihn unversehrt ins angebliche Paradies mit den vielen Jungfrauen zu retten, und fast alle sind sich einig, dass es nur Frieden geben wird, wenn sich die Israelis von den radikalen Siedlern distanzieren und die Palästinenser von den Selbstmordattentätern.
Die Jugendlichen wollen nach den Diskussionsrunden eher die Umgebung erkunden und stellen oft verblüffend klare Fragen: Waren die Kreuzzüge nicht auch eine Art "Heiliger Krieg"? Wurde nicht Europa jahrhundertelang von Religionskriegen erschüttert? Die 16-jährige Reut findet es ungerecht, dass man sich nicht für eine Religion entscheiden kann, sondern in sie geboren wird. Und fast alle Jugendliche wollen die Welt kennen lernen, reisen, dem Anderen, dem Fremden begegnen, um es zu verstehen.
Im Vorwort zur zweiten Auflage seines Buches "Die Gnosis und der Nationalsozialismus" hat Harald Strohm diese Diesseitsfreude als Gegensatz zum Gotteskriegertum - nicht nur der Nazis - analysiert: Wie ehedem beanspruchen auch die heutigen Gotteskrieger, die Welt mit Religion und transzendent verbürgten "Werten" zu erretten. Damit aber bezeugen sie, unwissend, aber klar, die Folgen der alten Weltverlorenheit. Denn in ihrer Sehnsucht, in ihrer Sucht nach Sinn und Erlösung Mal um Mal ins Leere flehend, projiziert sich zuletzt ihr Welt- und Selbsthass auf Dritte, die ihnen eben dadurch zu Repräsentanten des Bösen geraten. "Ihr liebt das Leben, wir den Tod", bekannten die muslimischen Massenmörder von Madrid im März 2004. Übersetzt ins psychologisch Richtige: "Ihr Europäer der Moderne lernt das Leben wieder lieben; aber wir, die wir noch verfangen sind in altem Wahn, hassen uns - und deshalb euch: denn Gott ist fern, uns aber groß und allmächtig." Bis auf weiteres bleibt freilich festzuhalten: Das Gotteskriegertum des Nationalsozialismus ist ob des Grads an Perversion, industrieller Perfektion und staatspolitischer Organisation mit dem des Islam nicht zu vergleichen.
Aber sollen wir angesichts des islamischen Gotteskriegertums wirklich jenen Beschwichtigungen glauben, die solchen "Islamismus" vom "wahren Islam" streng trennen? Die öffentliche Diskussion über den Islam hat noch nicht wirklich begonnen, meint Harald Strohm, zumindest noch nicht mit den Mitteln "der Moderne". Selbst elementare Einsichten blieben bislang unbeachtet; zum Beispiel die, dass jedes ideologische System in seinen Wirkungen kontextabhängig ist. Erst dieser Zusatz macht die verschiedenen Gesichter des "wahren Islam" verständlich. Denn natürlich hat auch der Islam - in entsprechenden Kontexten - das Zeug zu Friedfertigkeit, Weltoffenheit und kultureller Blüte. Aber in anderen Kontexten hat er - und hatte er schon unter Mohammed - eben auch aggressive, autoritäre und menschenverachtende Züge.
Eine weitere, spätestens seit Nietzsche und Freud etablierte Einsicht der Moderne lautet: Solange Menschen solche Schatten und Altlasten kollektiv verleugnen und verdrängen, schwelen sie untergründig weiter und bleiben gerade dadurch unberechenbar und gefährlich. Das gilt natürlich auch für das Christentum, wo nach 200 Jahren Aufklärung zwar keine Ketzer mehr brennen müssen, aber die Verdrängung von einem halben Jahrtausend Inquisition noch merkwürdige Blüten treibt: 1998 habe ich bei der Frankfurter Buchmesse dem Verleger Bernhard Meuser den Vorschlag gemacht, zu meinem Film "Herrn Hitlers Religion" ein Buch zu schreiben, was dieser begeistert aufnahm: "Das ist es - die Wurzeln des Nationalsozialismus in den esoterischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts." Nach meinem Einwand, dass man wohl nicht alles der Esoterik in die Schuhe schieben könne und wohl auch christliche Traditionslinien aufzeigen müsse, habe ich von dem guten Mann nie wieder etwas gehört.
Sechs Jahre später liegt nun das Ergebnis meiner Anregung vor: "Hitlers Religion" von Michael Hesemann. Darin walzt der Autor zwar das Material aus meinen Filmen "Adolf Lanz - Mein Krampf", "Herrn Hitlers Religion" und "Erlöser" aus, aber eben unter Weglassung der christlichen Traditionslinien. Er stellt Hitlers Religion als Gegenreligion zum Christentum dar, vor allem zum Katholizismus. Der österreichische Bischof Alois Hudal, der schon in den Dreißigerjahren den Nationalsozialismus als die Ideologie für Christen bejubelt und nach dem Weltkrieg die "Rattenlinie" (Flucht der KZ-Schergen nach Südamerika) mitorganisiert hat, wird nur in einer vatikanfreundlichen Episode als "Opportunist" erwähnt. Das Buch gipfelt in der Vermutung, dass bei einem Weiterbestand des Dritten Reiches der nächste Holocaust den Katholiken gegolten hätte.
Geschichtsfälschung durch Weglassung - das werfen sich auch Israelis und Palästinenser vor. Denn was für die Israelis der Unabhängigkeitskrieg von 1948 und ein großer Sieg war, das nennen die Palästinenser "Nakba", die "Katastrophe": die Vertreibung der Palästinenser, die Zerstörung von Dörfern, die Abschiebung in Flüchtlingslager. Plötzlich unterbricht Otman die Diskussion, schaut in die Kamera: "Es war vereinbart, nicht über Politik zu reden, sondern nur über Identitäten. So war das nicht ausgemacht." Die arabischen Jugendlichen schauen verlegen zu Boden, Nili versteht ihren Kollegen, meint, wenn das der Geheimdienst sehe, sei mit Konsequenzen zu rechnen. Doch die Jugendlichen wollen das nicht so im Raum stehen lassen. Spontan veranstalten sie ein Fußballspiel der beiden Klassen, und weil da die arabischen Schüler erfahrungsgemäß gewinnen, herrscht bald wieder gute Stimmung. Nili meint, mit Tränen in den Augen: "Auch wenn es schmerzt, wir müssen Strategien finden, miteinander zu leben. Deshalb sind diese Friedenscamps so wichtig."
Am Abend sind Musik und Tanz angesagt, und man umarmt einander, ist unter Freunden. Der Abschied vor der Rückreise nach Israel wird tränenreich, und man merkt den Jugendlichen an, dass sie es ehrlich meinen. Für Ben war es das wichtigste Erlebnis in seinem bisherigen Leben, und auch Samah wird dieses Treffen nie vergessen. Ist da in den Gesichtern einiger Erwachsener ein Anflug von Scham, warum es nicht immer so sein kann?
Zwei Monate später treffen wir die Jugendlichen in Israel wieder, und nichts von ihrer Begeisterung ist verflogen. Wir treffen allerdings auch andere Kinder, die von der Gewalt, die sie erleben mussten, traumatisiert sind: "Als ich schlief, träumte ich von einem israelischen Flugzeug, das anfing, unser Haus zu beschießen und zu bombardieren. Ich war im Haus und fiel auf den Fußboden. Eine Rakete traf mich auf dem Kopf. Ich fühlte, wie mein Kopf von meinem Körper abfiel; ich hatte große Angst und wachte vor Schreck auf."
Dazu eine Therapeutin des Hadassah Spitals in Jerusalem: "Welche Auswirkung wird das auf die junge Generation haben, die der Gewalt Tag für Tag ausgesetzt ist? Einige Kinder, die Opfer der Gewalt wurden und überlebten, haben immer noch eine enorme Fähigkeit, auch das Leid ihres ,Feindes' nachzuvollziehen. Aber gesamtgesellschaftlich betrachtet führt die Gewalt zu mehr und mehr primitiven Verhaltensmustern. Beide Seiten identifizieren sich vollkommen mit der Rolle des Opfers und verleugnen ihre eigene Aggressivität." [*]
Walter Wehmeyers Dokumentarfilm "Naher Osten - Hoffnung und Trauma der Jugend" wird am 28. November bei der Jüdischen Filmwoche im Wiener Cinema de France uraufgeführt. Beginn 18.30 Uhr.
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